London

Die englische Hauptstadt hat Bettina Spoerri schon sehr oft besucht. Ihre Grosstante, die jüdische Cellistin Regina Schein, die nach einem bewegten Leben, das sie u.a. nach Shanghai, auf die Philippinen, nach Indien und Kenya brachte, im London Symphony Orchestra spielte, lebte hier in High Gate. Sie ist das Vor-Bild für eine der Protagonistinnen in Bettina Spoerris Roman Konzert für die Unerschrockenen: die Cellistin Leah Feldman.

 

Bettina Spoerri liebt es, durch die Strassen von Soho zu streifen, in den Antiquariaten zu stöbern, die grossen, mehrstöckigen Buchhandlungen zu besuchen - oder in Cafés zu sitzen und die Menschen zu beobachten. Bei jedem Besuch der Stadt führt sie der Weg auch in die Tate Modern.

 

In London spielt ein grosser Teil des ersten Romans Konzert für die Unerschrockenen von Bettina Spoerri. Unter anderem diese Szene: (S. 141ff.) 

 

Gegen Mittag klart der Himmel auf und ich verlasse die Tate Britain, um an der Themse entlang in Richtung Westminster zu gehen. Am Strassenrand stehen vier dunkelrote Sightseeingbusse. Die Chauffeure, in hellbraun-rötliche Uniformen gekleidet, sind ausgestiegen und blicken über die Themse und zum Himmel hinauf, recken ihre steifen Rücken, klopfen sich sich auf ihre runden Bäuche. Einer sitzt auf den metallenen Treppenstufen der Vordertür seines Busses und isst ein Sandwich. 

(...) 

Als ich um die Ecke biege, erhebt sich die ehemalige Power Station wie eine massive Befestigungsanlage steil vor mir in den Himmel. Der hohe Turm bildet das Rückgrat des langgezogenen Museumsgebäudes, das oben mit einem Glaskubus abschliesst. Eine Grussgeste hin zum hellen, luftigen Dach über ihm. 

Zwei Möwen stürzen heiser kreischend die finstere Wand entlang auf den Vorplatz hinunter. Ich betrete die breite Rampe und die leer geräumte, ehemalige Maschinenhalle. (...) im fünften Stockwerk blicke ich mit anderen Besuchern hinunter und in die Ferne. Ein leichter Schwindel ergreift mich, als ich hinunter auf den Park am Flussufer blicke. Auf der Milleniumsbrücke wimmelt es von Menschen, die von und zur Tate Modern pilgern, sie weichen einander wie emsige Ameisen auf ihrer Futterbahn aus. Auf der anderen Seite der Themse klafft eine offene Bresche bis zur St.Paul's Cathedral. Die Fassade der Kirche, deren fahle Farbe noch vor wenigen Jahren an einen alten Bodenlappen erinnerte, leuchtet jetzt zwischen den anderen Gebäuden hervor. Dort ein alter Tempel für Gott, aus der Versenkung geholt und zurechtgeputzt, hier ein Tempel für die Kunst. Sie stehen auf einer Linie, nur leicht verschoben, die Flanken parallel gestellt. Um sie herum drängt sich das Häusermeer, die stattlichen Gebäude der Bank, die glänzenden Glasfassaden der Hochhäuser, dazwischen immer wieder Baukräne. 

Ein junges Paar kümmert sich derweil nicht um die monumentale Inszenierung, sondern ist auf einem der knallroten Sofas eingeschlafen. Der Kopf des Mannes liegt auf der Brust der Frau. Ein paar ihrer Haarsträhnen bedecken seine Augenlider, sein Mund steht halb offen. Sie liegen wie in einen lautlosen Dornröschenschlaf versetzt. Ein kleines Mädchen betastet neugierig die Fensterscheibe, die sich bis zu seinen Füssen zieht. Seine Gestalt hebt sich wie eine Scherenschnittfigur vom hellen Hintergrund ab. 

(...) 

 


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